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Existenzvergewisserung: Die Kamera als Spiegel des Selbst
In der taz (gefunden via The Public Eye Blog) beschreibt Arno Frank das, was er kolumnengerecht Digitalitis nennt: Die zunehmende zwanghafte Handlung, nahezu alle Ereignisse (wenn man denn überhaupt von Ereignissen sprechen kann) in Bild (sei es nun bewegt oder unbewegt) festzuhalten.
Frank erzählt von der Entzauberung der Momente durch massenhaftes Re-Inszenieren, von der sinnlichen Abstumpfung durch suchtähnliches Pseudo-Dokumentieren, ja letzendlich philisophisch vom Weltverlust.
Jeder, der in letzter Zeit bei einem sogenannten Event zugegen war, wird diese Beobachtungen teilen können. Zu recht fragt Frank angesichts der allgegenwärtigen Blitzlichtgewitter, was denn damit gewonnen sei.
Wir wissen es nicht, doch wir ahnen es. Frank spricht es aus: "Es ist die nackte Angst. Angst vor dem Augenblick, dem seine Vergänglichkeit immer schon eingeschrieben ist, Angst vor dem Tod. Mit der Verve der Verzweiflung soll gebannt werden, was nicht zu bannen ist, das Leben an sich."
Das ist in der Tat treffend. Es ist im Übrigen nicht die Verfügbarkeit entsprechender Apparate, sprich: erschwinglicher Digitalkameras an sich, die jene Zwanghaftigkeit befördert, aber die ungeheure Verbreitung dieser Apparate hat die Psychose erst zur Massenpsychose befördert - spätestens seit dem Siegeszug des Fotohandys.
Noch interessanter ist allerdings, was mit den Bildern geschieht, die zur Todesbezwingung gemacht werden. Denn das Verhalten vieler Existenzdokumentierer ist ein eigentlich kontraproduktives. Ginge es um Unsterblichkeit, so müssten die Bilder, gleichsam als Denkmal, der Nachwelt zugänglich gemacht werden - zumindest in der Absicht der Dokumentatoren.
Doch dies ist mitnichten der Fall. Gerade bei jungen Leuten erlebe ich es immer wieder, dass sich um die Kamera geschart wird, dass beliebige Momente festgehalten und unmittelbar danach angeschaut werden. Das Gerät macht die Runde, es wird kommentiert, es wird gelacht. So weit, so vorhersehbar. Auf Nachfrage, was denn nun mit dem Aufgenommenen geschehe - denn ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, was man denn mit dieser Bilderfülle anstellen soll - , ernte ich oftmals ein lapidares "das wird gelöscht, wenn's alle gesehen haben" oder "wenn's ein paar Tage alt ist".
Hier geschieht etwas Interessantes: Das Denkmal wird in die Gegenwart vorverlagert. Das aber heißt: Nicht der Tod wird bezwungen, sondern die eigene jetztzeitige Existenz wird sich selbst bewiesen. Ich sehe mich, also bin ich.
Danach kann gelöscht werden.
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