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Aufgebrochene Realitätsvergewisserung: Der Image Fulgurator und seine Auswirkungen

Permalink | Verfaßt am 27.06.08 um 03:12 Uhr | Kategorien: Theorie, Technik, die weite Welt des www


Bildmanipulation ist so alt wie die Fotografie selbst. Und noch heute werden Bilder als Beweis wahrgenommen - lange nach der Erkenntnis, dass auch Nachrichtenbilder immer wieder manipuliert wurden.

Julius von Bismarck und der Image Fulgurator

Julius von Bismarck und der Image Fulgurator
Bild: www.juliusvonbismarck.com


er manipuliert werden können und werden, ist heute Allgemeingut - spätestens der Siegeszug der digitalen Fotografie und Bildbearbeitung, der seit einiger Zeit auch im Mainstream angekommen ist. Dennoch: Bilder bleiben Beweise, Bildern wird geglaubt, und zwar auch von jenen, die um die Manipulationsmöglichkeiten wissen. Es scheint, dass das Wesen der Fotografie sich aufgespalten hat. Auf der einen Seite existiert das, was ich "generierte Realität" nennen möchte und anhand der Fernsehzeitschriften-Titelbildern vor kurzem in der Zeit ganz treffend charakterisisert wurde. Auf der anderen Seite: Die "dokumentierte Realität", das sind beispielsweise Bilder, die Nachrichten illustrieren.
Die Rezipienten haben gelernt, mit beiden Spielarten umzugehen. Mit generierter Realität wird gespielt, es ist klar, dass es sich kaum um ein authentisches Abbild handelt, handeln kann, handeln soll. Das wird auch nicht erwartet.
Bei dokumentierter Realität hört der Spaß allerdings auf: Hier erwarten die Betrachter Authentizität ohne wenn und aber.
Ob ein Bild nun generierte oder dokumentierte Realität darstellt, ist zunächst schwer zu erkennen und wird zunehmend nur noch durch den Kontext, in dem sie sich befinden, definierbar. Wieder ein Beispiel: Über die Kunstmenschen, die auf den Titelbildern von Zeitschriften wie beispielsweise TV Spielfilm erscheinen, regt sich niemand auf - zu offensichtlich ist, das diese Bilder nicht authentisch sind.
Manipulationen im nachrichtlichen Kontext stoßen aber noch immer auf Empörung, das zeigt beispielsweise der Fall Adnan Hajj. Glücklicherweise, möchte man ausrufen.

Zurück zur Bildmanipulation. Bei der Frage nach Authentizität stößt man auf eine harte Erkenntnis: Natürlich ist auch ein Bild, das nichts anderes zeigt als die Realität, in gewisser Weise manipuliert. Allein die Wahl des Aufnahmestandorts ist eine erste Manipulation, hinzu kommen etliche weitere Aufnahmeparameter. Diese Beeinflussungen müssen noch nicht einmal absichtlich entstehen. Es ist aber wohl nicht sehr zielführend, den Begriff der Manipulation soweit auszudehnen.
Wenn wir von manipulierten, von gefälschten Bildern sprechen, so meinen wir im engeren Sinne Bilder, deren Aussage im Nachhinein verändert wurde, bei denen später vorsätzlich etwas weggenommen oder hinzugefügt wurde, was im Zeitpunkt der Aufnahme vorhanden war. Bildmanipulation in diesem allgemeingebräuchlichen Sinne ist also das Ändern der Realitätsabbildung im Nachhinein.

Das bedeutet aber auch: Auf das, was aufgenommen wurde, kann man sich verlassen. Und weiter: Auf das, was man selbst aufgenommen hat, kann man sich verlassen - genau so funktioniert Existenzvergewisserung.

Der Image Fulgurator des Berliner Künstlers Julius von Bismarck bricht diese Gewissheit auf. Sein "Aparat zur "minimal-invasiven Manipulation von Fotographien (Fehler im Original)" ändert die Realität in dem Moment, in dem sie festgehalten wird. Dabei ist diese Veränderung nur für einen Wimpernschlag sichtbar und wird erst auf den fertigen Bildern sichtbar.

Das Gerät ist verblüffend einfach aufgebaut. Ein Sensor registriert das Blitzlicht eines Fotoapparates und löst eine Projektion auf das Motiv aus. Ironischerweise geschieht dies mit einem umgebauten Fotoapparat, der den Weg der Bildwerdung vom Kopf auf die Füße stellt.

Das Resultat ist verblüffend, ja teils verstörend, wen man die Reaktionen der Fotografen berachet. Das Prinzip der Realitätsabbildung wurde offenbar aprupt und nachhaltig durchbrochen, ohne dass die Fotografen sich dies erklären können.

Am Rande sei noch erwähnt, dass ich eine ähnliche Aufhebung der Realitätsvergewisserung vor einigen Jahren erlebte, als Besucher einer Ausstellung eine Videoinstallation, die auf eine Leinwand projeziert wurde, zur Erinnerung festhalten wollten. Durch Blitzeinsatz auf die Videoleinwand war das Resultat meistens eine Bild, dem die Erinnerung fehlte: Eine weiße Leinwand. Manche Leute versuchten mehrmals, die flüchtigen Bilder zu fotografieren, mussten dann aber, nach mehrmaliger Kontrolle auf dem Display, aufgeben.
Interessant war, dass die Menschen das Scheitern ihrer Bemühungen sofort oder nach einigen Versuchen, eher gleichmütig hinnahmen.

Folgendes Video zeigt den Einsatz des Image Fulgurator am Berliner Checkpoint Charlie. Der Image Fulgurator projeziert auf das berühmte Schild "You are entering the American Sector" den Satz "Hundreds of people died last year by trying this at the US-Mexico border". Die Reaktionen der Fotografen sind ganz und gar nicht gleichmütig, stellenweise wirken die Leite verstört ("It's spooky").

Im Gegensatz zur Videoinstallation, die ja von vorneherein einen spielerischen Kontext aufbaute, ist dies Ernst. Hier ist keine situationsbedingte Erklärung zur Hand.
Das Prinzip der Selbstvergewisserung wurde ganz offenbar für einen Moment aufgebrochen, der Glaube an die Authentizität der selbst konservierten Realität erschüttert. Von Bismarck selbst formuliert dies so:

A camera can be used as a personal memory tool, since people do not doubt the veracity of their own photographs. [...] with the Fulgurator it is possible to have a lasting effect on those kinds of individual moments and events that become accessible to the masses only because they are preserved photographically.
In this context the Fulgurator represents a manipulation of visual reality and so targets the very fabric of media memory.

Diesen politischen Anspruch haben manche aber wohl nicht ganz verstanden:

Für alle Leute, die was gegen die Touristen mit diesen lästigen Kameras tun wollen, hat ein Mensch namens Julius von Bismarck einen Apparat zur sogenannten “minimal-invasiven Manipulation von Fotoapparaten erfunden.

Vom 4. bis 9. September ist der Image Fulgurator auf der CyberArts-Ausstellung im Rahmen des Ars Electronica-Festivals in Linz zu sehen.

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