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Tag: "brennweite"

Die Brennweite und ihr Einfluß auf die Perspektive

 Verfaßt am 27.03.08 um 03:31 Uhr, von , Kategorien: Theorie, Technik , Tags: ,


Unter Fotografen weit verbreitet ist die Ansicht, dass die Brennweite Einfluß auf die Perspektive habe. Dies Ă€ußert sich in allgemein bekannten Regeln wie "Ein Teleobjektiv verdichtet die Perspektive", "macht den Raum flach" oder "Ein Weitwinkel verzerrt den Raum".
Was in der fotografischen Praxis zunĂ€chst einmal bewĂ€hrt, nachvollziehbar und deshalb richtig erscheint, ist jedoch nichts anderes als eine optische TĂ€uschung. TatsĂ€chlich hat die Brennweite ĂŒberhaupt keinen Einfluß auf die Perspektive. Die Perspektive wird einzig und allein durch den Aufnahmeabstand beeinflußt.

Mit einem Versuch lĂ€ĂŸt sich dies feststellen. Folgende Aufnahmen wurden vom selben Kamerastandpunkt aufgenommen, einmal mit 14mm Brennweite, einmal mit 28mm, einmal mit 50mm und einmal mit 85mm (der sogenannte Cropfaktor, also das VerhĂ€ltnis der GrĂ¶ĂŸe des Bildsensors zum Kleinbildformat, wird hier nicht genannt - denn auch die GrĂ¶ĂŸe des Aufnahmeformats hat keinerlei Einfluß auf die Perspektive - spĂ€ter dazu mehr).

An den Bildern wurde nichts geĂ€ndert außer leichter Kontrastanhebung und leichtem NachschĂ€rfen. Außerdem wurden vorhandene Kennzeichen unkenntlich gemacht.

14mm Brennweite
14mm Brennweite

28mm Brennweite
28mm Brennweite

50mm Brennweite
50mm Brennweite

85mm Brennweite
85mm Brennweite

Und in der Tat scheint die Brennweite einen Einfluß auf die Perspektive zu haben: Ist nicht das Bild, das mit 15mm Brennweite aufgenommen wurde, weitwinkeltypisch verzerrt? Und ist nicht jenes mit 85 mm verdichtet?
Nun, schauen wir uns einmal die Bestandteile an, die in allen Bildern vorhanden sind. Das bedeutet, wir schneiden einfach mal all das weg, was nicht im 85er-Bild (der Einfachheit halber nenne ich die Bilder der verschiedenen Brennweiten im weiteren Verlauf so) zu sehen ist. Dabei erhalten wir natĂŒrlich verschiedene Ausschnitte:

Ausschnitt 85mm Brennweite
85mm

Ausschnitt 50mm Brennweite
50mm

Ausschnitt 28mm Brennweite
28mm

Ausschnitt 14mm Brennweite
14mm

Jetzt, da nur noch die gemeinsamen Bildbestandteile aller Brennweiten sichtbar sind, kann unser Gehirn uns nicht mehr ĂŒber den Kontext der jeweiligen unterschiedlichen Bildbestandteile tĂ€uschen.
Um nun auch noch die letzte EinflußgrĂ¶ĂŸe, die unser Gehirn zur Perspektive relativiert, auszuschalten, bringen wir alle Ausschnitte auf die gleiche GrĂ¶ĂŸe:

Ausschnitt 14mm Brennweite

Ausschnitt 28mm Brennweite

Ausschnitt 50mm Brennweite

Ausschnitt 85mm Brennweite

Wir sehen: Die Bilder - und die Perspektiven - sind gleich. NatĂŒrlich ist das 14er qualitativ schlechter als das 85er - es ist ja stĂ€rker vergrĂ¶ĂŸert. Dem werten Leser sei versichert, dass obige Bilder wirklich die vergrĂ¶ĂŸerten Ausschnitte sind. Oben das 14er, gefolgt vom 28er, danach das 50er, und schließlich das 85er.

Die Brennweite verÀndert also nicht die Perspektive! Was die Brennweite Àndert, ist der Bildwinkel, also der auf dem Aufnahmemedium abgebildete Ausschnitt des Motivs (hier auch nochmal bei Wikipedia erklÀrt). Die "Verdichtung" oder "Verzerrung" entsteht in unserem Gehirn, das alle Bildbestandteile zueinander in Beziehung setzt. Man könnte sagen, die Brennweite Àndert nicht die Perspektive, aber die Bildwirkung.

Genausowenig wie die Brennweite die Perspektive Ă€ndert, so wenig Ă€ndert ĂŒbrigens die GrĂ¶ĂŸe des Aufnahmemediums (also Film oder Sensor) die Perspektive. Denn auch die GrĂ¶ĂŸe des Aufnahmemediums Ă€ndert nur den Bildwinkel - sozusagen diesmal aber von der anderen Seite des Objektives. Ein 50mm-Objektiv an einer Kleinbildkamera bildet die selbe Perspektive ab wie das selbe 50mm-Objektiv (hypothtisch) an einer Digital-Kompaktkamera mit findernagelgroßem Sensor; lediglich der Ausschnitt des Motivs verĂ€ndert sich.

Die falsche Annahme, die Brennweite verĂ€ndere die Perspektive, rĂŒhrt daher, dass unser Gehirn immer alle Bildbestandteile in die perspektivische Auswertung mit einbezieht: Ein kleinerer Bildwinkel bei gleicher BildgrĂ¶ĂŸe fĂŒhrt zum Eindruck einer "Verzerrung" der Perspektive. Ein grĂ¶ĂŸerer Bildwinkel bei gleicher BildgrĂ¶ĂŸe gauklet unserem Gehirn eine "Verdichtung" der Perspektive vor.

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Erst dann, wenn wir nur noch die gemeinsamen Bildbestandteile verschiedener Bildwinkel (seien die verschiedenen Bildwinkel nun durch verschiedene Brennweiten oder verschiedene GrĂ¶ĂŸen des Aufnahmemediums entstanden) betrachten, sehen wir, dass sie sich nicht unterscheiden.

Wer nun zweifelt, dass der Versuch wirklich beweist, dass die Brennweite keinerlei Einfluß auf die Perspektive hat, der sei ermutigt, den Versuch selbst durchzufĂŒhren. Gerade digital ist er von jedermann ohne allzugroßen Aufwand durchzufĂŒhren. Wichtig ist nur, dass die Aufnahmen mit den verschiedenen Brennweiten mit exakt gleichen Kamerastandpunkt durchgefĂŒhrt werden! Eine Änderung des Kamerastandpunktes hat nĂ€mlich, im Gegensatz zur Brennweite, zwangslĂ€ufig Auswirkungen auf die Perspektive (dazu wird es hier in nĂ€chster Zeit einen weitern Versuch geben)!
Nochmal: Bei diesem Versuch darf der Kamerastandpunkt nicht verÀndert werden! Ein Stativ oder eine andere geeignete Fixierung der Kamera ist also Pflicht.

Es lohnt sich ĂŒbrigens wirklich, diesen Versuch selbst einmal mit eigenem Material durchzufĂŒhren, denn der Erkenntnisgewinn ist, egal ob man Skeptiker ist oder nicht, sehr groß.
All jenen, die meinem Worte weniger vertrauen als dem eines Meisters, oder denen, die das Ganze lieber in gedruckter Form lesen möchten, sei Feiningers Hohe Schule der Fotografie ans Herz gelegt (auch ansonsten ist dieses Buch sehr empfehlenswert!); hier wird unser Versuch nochmals ausfĂŒhrlich besprochen.

Verwendetes Material: Nikon D200, Sigma AF 14mm F3.5, Sigma 28mm F1.8 EX DG Macro ASP, Nikon AF Nikkor 50mm 1:1.8D, Nikon AF Nikkor 85mm 1:1.8

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